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SCHNEIDER-SLIWA R., ERISMANN C., SAALFRANK C., GRIEBEL C. mit B. REITEL und E.-J. SCHRÖDER et al.:
Regionale Identität in der Regio TriRhena.
Wahrnehmungen von Studierenden der Universitäten Basel, Freiburg i.Br. und Mulhouse.
= Basler Stadt- und Regionalforschung, Band 32, Basel, 2010 : 54 S.

 

Kernaussagen zur Regionalen Identität in der Regio TriRhena

Ausgangslage. Regionale Identität gestaltet sich zum einen in den Sozialbeziehungen der Bewohner einer Region aus, zum anderen in ihrer Verbundenheit mit dem Raum. Für die Wirtschaftsentwicklung stellt eine starke regionale Identität insofern einen Standortfaktor dar, als sie Aktionsräume für Personen, Unternehmen und Organisationen schafft. Auch über kulturelle oder politische Grenzen hinweg kann sich eine regionale Identität ausbilden. Die Regio TriRhena ist ein trinationaler Raum mit vielfältigen grenzüberschreitenden Verflechtungen, welche sich günstig auf die Herausbildung einer regionalen Identität über die Grenzen hinweg auswirken können. Regionale Identität wird typischerweise approximativ erfasst durch Befragungen zur Identifikation der Bewohner, sozialer Netzwerke, der Wahrnehmungen und Vorurteile. Aufschlussreich ist des Weiteren das raumwirksame Verhalten der Einwohner, z.B. die grenzüberschreitende Mobilität, das Einkaufsverhalten, die Nutzung von Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten sowie Kultur- und Bildungsangeboten.

Die Studie. Die Studie von 2009 zur Regionalen Identität in der Regio TriRhena erfasste Studierende an den Standorten Basel, Mulhouse und Freiburg im Breisgau (Stichprobengrösse: 1313 Befragte, davon 651 aus Basel, 395 aus Mulhouse sowie 267 aus Freiburg). Der Fokus wurde auf Studierende gelegt, weil diese als junge Generation und durch die gehobene Ausbildung die zukünftige Entscheidungsträgerkohorte darstellen, ihre Meinungen also in besonderem Masse dazu beitragen werden, die Regio TriRhena zukunftsfähig zu gestalten.

Ergebnisse. Die grenzüberschreitenden sozialen Kontakte sind nicht so häufig wie angenommen, und intensive freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen
sind eher selten. Die grenzüberschreitenden Aktivitäten der Befragten sind im Vergleich dazu sehr ausgeprägt. Das Konsumverhalten der Studierenden beim Einkaufen und in der Gastronomie bildet die Preisunterschiede zwischen den drei Wirtschaftsräumen ab. Südbaden und das Elsass haben hier einen Wettbewerbsvorteil und werden häufig von den Baslern zum Einkaufen besucht. Umgekehrt sind die kulturellen Veranstaltungen in Basel unter den Nachbarn sehr beliebt.

Überraschend ist der geringe Anteil an Studierenden, die wegen ihres Studiums die Grenze überqueren, obwohl solche Angebote doch speziell für diese Zielgruppe eingerichtet wurden. Am häufigsten nutzen Freiburger und am wenigsten Basler Studierende die Austauschprogramme und grenzüberschreitenden Projekte. Schweizer Studierende scheinen ein geringeres Interesse für die Nachbarregionen zu haben. Auch der sprachliche Aspekt verdeutlicht ihre enge Verbundenheit mit dem Raum Basel.

Insgesamt zeigt sich, dass die offiziellen und institutionalisierten Angebote an grenzüberschreitenden Aktivitäten weniger genutzt werden als die Möglichkeiten, relativ
spontan in die angrenzenden Regionen zu fahren, um dort eher „alltäglichen“ Aktivitäten nachzugehen wie einkaufen, essen oder sich erholen. Dies kann einerseits als mangelndes Interesse an den gezielten Bemühungen zur Förderung der gemeinsamen Region gesehen werden. Andererseits ist die Selbstverständlichkeit, mit der der gemeinsame Wirtschaftsraum zum eigenen Vorteil genutzt wird, wiederum eine Bestätigung der Massnahmen, die den grenzüberschreitenden Verkehr ermöglichen und
vereinfachen. Im Bereich des öffentlichen Verkehrs besteht allerdings noch Verbesserungspotential. Während zwischen der Nordwestschweiz und Südbaden die
öffentlichen Verkehrsmittel rege genutzt werden und von Basler und Freiburger Studierenden als verbindendes Element betrachtet werden, sind Mulhouser Studierende zur Grenzüberquerung stärker auf das Auto angewiesen und nehmen den Öffentlichen Verkehr als trennendes Element in der Regio wahr.

Im Bezug auf die Wahrnehmung einer regionalen Identität gibt es weitere länderspezifische Unterschiede. So sehen jene, die in Mulhouse studieren, die Sprache klar als verbindendes Element unserer Region, während die Studierenden aus Freiburg und Basel die Sprache als trennend empfinden. Grundsätzlich kann man auch sagen, dass sich Basler Studierende gerne „absondern“ und keine Gemeinsamkeiten mit Frankreich oder Deutschland haben wollen, während sich gerade Studierende aus Freiburg gerne als Europäer/innen sehen. Demgegenüber verspüren die Studierenden in Mulhouse wiederum den „Regio-Geist“ intensiver und haben ein grösseres grenzüberschreitendes „Wir-Gefühl“. In der Wahrnehmung der Grenzen zeigt sich eine geschlechtsspezifische Komponente. Frauen nehmen ebenso wie Männer die Grenzen bewusst wahr, sie verbinden damit jedoch Positives: Vielfalt, Abwechslung, Potential, Lebendigkeit. Männer hingegen betrachten Grenzen entweder nüchtern als Relikt aus der Vergangenheit oder negativ als gefühlsmässige Kluft. Eine deutliche Mehrheit der Befragten kann sich vorstellen, in einem anderen Teil der Regio zu wohnen. Vor allem Freiburger und Mulhouser Studierende würden bei einem Umzug über die Grenze auch ihre Kinder im Ausland zur Schule schicken. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass Personen, die selbst einen Schüleraustausch gemacht haben, eher bereit wären, ihre Kinder im angrenzenden Ausland zur Schule zu schicken. Ein grosser Teil der Studierenden nimmt gewisse Ressentiments oder Vorurteile gegenüber den Nachbarländern wahr. Als mögliche Gründe für diese Vorurteile wurden vor allem Themen wie Geschichte, Sprache, kulturelle Unterschiede, die Mentalität oder Klischees genannt. Mit der Regio TriRhena assoziieren die befragten Studierenden eher eine institutionalisierte Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg als ein grenzüberschreitendes Zusammenleben. An Institutionen sind unter den Studierenden vor allem Bildungseinrichtungen bekannt. Dies ist angesichts der Lebenswelt der Befragten wenig überraschend, auch wenn wenige der Studierenden die universitären Programme tatsächlich nutzen. Eine Mehrheit der Studierenden wünscht sich eine vertiefte Zusammenarbeit im Bildungsbereich, im Öffentlichen Verkehr und im Naturund Umweltschutz. Auch vermehrte Kooperation in der Wirtschaft wird gewünscht, dagegen scheint eine engere Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen den Studierenden weniger wichtig.

Synthese. Insgesamt ergibt sich also ein durchwachsenes Bild einer gemeinsamen Identität, und das nationale oder europäische Bewusstsein hat für die meisten Studierenden eine höhere Bedeutung als die regionale Identität. Soll die regionale Identität in der Regio TriRhena gezielt gestärkt werden, so bieten sich mehrere Strategien an. Durch Austauschprogramme, vor allem Schüleraustausch, kann die Offenheit gegenüber den Nachbarn wirksam gefördert werden. Viele Studierende wünschen sich eine engere Zusammenarbeit im Bildungsbereich. Hier wäre zunächst zu klären, warum die bestehenden Angebote des universitären Austausches in der Regio nicht intensiver genutzt werden. Der Ausbau des grenzüberschreitenden öffentlichen Verkehrs ist eine weitere zentrale Forderung der Studierenden, und es sollte angestrebt werden, den Öffentlichen Verkehr so gestalten, dass er auch aus der elsässischen Perspektive nicht mehr als extrem trennend wahrgenommen wird. Bei allen Massnahmen zur Förderung der regionalen Identität könnte schliesslich aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung von Frauen und Männern eine geschlechterspezifische Ausgestaltung sinnvoll sein.