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FLOETING, H.:
Medienstädte, Kreativmeilen und Netzgemeinden.
Basler Beiträge zur Geographie 52, Basel, 2012, 338 S.

 

Die Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK-Technologien) und die Kommunikations- und Medienwirtschaft wurden zu Beginn der 1980er Jahre erstmals als ein Thema der Stadtentwicklung und der kommunalen Wirtschaftsförderung in deutschen Kommunen wahrgenommen. Wesentliche Treiber für diese Entwicklung waren die technologischen Fortschritte bei den Informations- und Kommunikationstechnologien und deren Diffusion in den alltäglichen Gebrauch vor allem im Bereich der Breitband- und Mobilkommunikation. Die technologischen Veränderungen wurden begleitet von veränderten Regulations-regimes in den Wirtschaftsbereichen, die mit der Herstellung oder Anwendung der entsprechenden Technologien eng verbunden sind. Seit Beginn der 1980er Jahre sind im Zuge dieser Entwicklungen eine Reihe städtebaulicher Projekte realisiert worden, die gezielt die Möglichkeiten neuer Informations- und Kommunikationstechniken einbeziehen und/oder die einen kommunikations- und medienwirtschaftlichen Kern haben. Es entstanden Projekte mit gewerblichem Schwerpunkt, Mischnutzungsprojekte und Wohnflächen mit unterschiedlichen thematischen und strategischen Ansätzen. Zum Teil wurden vorhandene Strukturen oder Entwicklungsansätze (beispielsweise traditionelle Medienstandorte) einbezogen, zum Teil neue Großstrukturen geschaffen.

Im vorliegenden Band werden eingangs Zielsetzung, methodisches Vorgehen sowie theoretische und empirische Grundlagen zu den Wirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologien im städtischen Kontext erläutert. Nachfolgend werden Einschätzungen der Akteure der Stadtentwicklungsplanung in Bezug auf den eigenen Umgang mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien dargestellt. Nach einer Einordnung in die grundsätzlichen Veränderungen des technologisch-ökonomischen Strukturwandels in Bezug auf die Städte folgt eine ausführliche vergleichende systematisierende Darstellung von Konzepten und Projekten der technologie- und wirtschaftsorientierten Stadtentwicklungspolitik in deutschen Kommunen. Für ausgewählte Beispiele werden Akteursstrukturen und Vernetzungen zwischen Akteuren vertiefend betrachtet. Die in der Untersuchung isolierten kritischen Erfolgsfaktoren von Konzepten und Projekten werden in Hinblick auf Konzept- und Projekttypen, einzelne Faktoren und deren Zusammenwirken ausgeführt. Abschließend wird die Übertragbarkeit der Ergebnisse erläutert.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die kommunalen Akteure am Ende des Untersuchungszeitraums zwar grundsätzlich ein positives Bild vom Umgang der Städte mit dem Thema „IuK-Technologien“ hatten und über durchaus differenzierte Einschätzungen zu den Hemmnissen, die den Einsatz dieser Technologien im städtischen Kontext begrenzen, und zu den potenziellen Wirkungen der IuK-Technologien in den Städten verfügten. Dennoch war eine integrierte Entwicklung, die IuK-Technologien gezielt zur Entwicklung der Städte und zur Lösung städtischer Problemlagen nutzt, wenig verbreitet. In einigen Städten gab es aber bereits konkrete Ansätze zur Nutzung der IuK-Technologien für die räumliche Entwicklung und zur Erschließung der wirtschaftlichen Potenziale, die mit diesem Technologiefeld verbunden sind. Die weit überwiegende Mehrheit dieser Konzepte und Projekte richtete sich auf die Entwicklung gewerblich nutzbarer Flächen. Wohnprojekte, die die Potenziale der IuK-Technologien gezielt nutzten, waren demgegenüber weit weniger verbreitet. Ansätze in beiden Bereichen wurden vor allem in großen Städten entwickelt. Die unterschiedliche Verbreitung dieser Konzepte und Projekte lässt sich zunächst aus der grundsätzlich unterschiedlichen Betroffenheit der Städte vom technologisch-ökonomischen Strukturwandel erklären.

An vier Fallbeispielstädten werden der technologisch-ökonomische Strukturwandel, die strukturellen Veränderungen des IuK-Sektors sowie Akteurskonstellationen und Vernetzungsarrangements vertiefend dargestellt. Hamburg als traditionelle Medienstadt mit breitem Branchenprofil und großer Bedeutung in Verlagswesen, Werbung, Musikwirtschaft, aktueller audiovisueller Berichterstattung und Fernsehproduktion sowie einer aufstrebenden NewMedia-Szene. Leipzig als neuer Medienstandort in Ostdeutschland mit Traditionen im Bereich Verlage und Druckereien und typischen Anpassungsprozessen nach dem Strukturbruch 1990. München als breit profilierter Standort der Kommunikations- und Medienwirtschaft sowohl im produzierenden als auch im Dienstleistungsbe-reich. Wiesbaden als „Nischenstandort“ mit deutlicher Profilierung im Bereich Film und Werbung.

Die deutschen Städte haben in den 1980er und 1990er Jahren eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte und Projekte mit stadträumlichen Bezügen zur Förderung der Kommunikations- und Medienwirtschaft oder zum Einsatz von IuK-Technologien in städtebaulichen Projekten entwickelt. Die Untersuchung hat eine Typisierung von Konzepten und Projekten entwickelt. Dazu gehören umfassende Stadtentwicklungskonzepte mit städtebaulichen Großprojekten, Projekte zur Konversion alter Industrieareale durch die Schaffung neuer Standorte für die Kommunikations- und Medienwirtschaft, Technologie-, Innovations- und Gründerzentren sowie Gewerbehöfe zur Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen der Kommunikations- und Medienwirtschaft, großflächige Gewerbeflächen für die Kommunikations- und Medienwirtschaft, marktorientierte Entwicklungen neuer urbaner Quartiere für die Kommunikations- und Medienwirtschaft, Stadtentwicklung durch technische Vernetzung von Räumen sowie die Nutzung von IuK-Technologien zur räumlichen Integration von Wohnen und Arbeiten.

Für den Erfolg der Projekte sind verschiedene Faktoren und spezifische multifaktorielle Konstellationen für unterschiedliche Projekttypen entscheidend. Eine Reihe von Faktoren sind unabhängig vom Projekttyp erfolgsbestimmend. Zu den Erfolgsfaktoren, die in allen Projekten eine wesentliche Rolle spielten, zählte das Vorhandensein von Promotoren und der politische Rückhalt für die Projekte, die häufig unter unsicheren Rahmenbedingungen entstehen, auf längerfristigen Erfolg angelegt sind und daher der Kontinuität bedürfen. Deutlich wurde auch, dass größere Projekte in stärkerem Maß vom Zusammenspiel unterschiedlicher Erfolgsfaktoren bestimmt werden. Trotz typischer Erfolgskonstellationen eignen sich die untersuchten Konzepte und Projekte nicht als Blaupausen oder Patentrezepte, wohl aber als Anregungen für die Entwicklung neuer Konzepte in anderen Technologiebereichen.